Die Legende vom fliegenden Broccoli


 

Es trug sich zu, dass ein Jugendclub dem anderen gar üble Streiche spielen sollte und der angefochtene dessen stetig mit Gleichem vergolt. Da solcher Zustand nicht von Dauer bleiben konnte, wurde von den Betroffenen beschlossen, der Rivalität mit Gemüsekrieg am Ufer der Chemnitz ein Exempel zu machen.

Die tapferen Recken einer dritten Partei, die der Chemnitztalstraßen-Rivalität nicht gänzlich unbeteiligt verblieb, beschlossen ihrerseits eine Intervention. Sie erfuhren vom Grund des Kampfes, dem Vorrecht und Ehre des Überlegenen. Von Alters her ungleich länger am Ort verhaftet, sollte also mitgekämpft und der unterlegenen Seite Hilfe gewährt werden, um Gerechtigkeit und die versprochene Ehre zu erhalten.
Sie konnten sich nicht mit den rohen Massen der weiteren Beteiligten messen und wollten stattdessen die wenigen Mannen mit Technologien stärken. In Tagen und Nächten voller Schweiß, Bier und fliegenden Schuhen wurde fortschrittlichstes Kriegsmaterial geschaffen.

 

Die klügsten Köpfe des idealistischen Clubs ließen keine Mühen ungescheut, keine Hürde ungenommen, keine Anstrengung umgangen, den technologischen Fortschritt der Gegenwart in zerstörerische Form zu bannen. Eine professionelle Schleuder, die ein Kilo Tomaten ca. 20m weit werfen konnte, als Artillerie und Rückrad der freiheitlichen Streitkräfte.

Handschilde und statische Frontschilde mit entsprechenden Munitionslagern als Verstärkung am Mann, die mit grässlichen Parolen bemalt, dem Feind das Fürchten lehren sollte.
Den in Kürze drohenden Kampf gewahr, traf eine schlimme Nachricht im Lager ein: Die Munition konnte nicht wie versprochen beschafft werden und man würde ohne Wurfgemüse dastehen! Von blindem Aktionismus beseelt, wurden am Tag vor der Schlacht alle umliegenden Märkte abgeklappert, doch erfolglos verlassen. Alles schien dahin. Erst ein letzter Versuch in den frühesten Morgenstunden des nächsten Tages machten den Nöten ein Ende:
Ein per Telegraf kontaktierter Großmarktleiter, offensichtlich als einziger mit Jugend gesegnet und deshalb mit Verständnis beglückt, erlaubte den Recken, sich am organischen Abfall gütlich zu tun. So konnten ein Dutzend Paletten feinstem Gammelbroccoli, Ananasstücken und Tomatenresten anheim gebracht werden. War das ein Frohlocken und Feiern im ganzen Hause!
Zur Mittagsstunde war Schlachtbeginn geplant und man beschloss, aus strategischen Gründen verspätet auf dem Kriegsfeld zu erscheinen. So sollte die hilfleidende Seite erkannt und unterstützt werden.

Welch Kühnling hätte geahnt, dass solch sporadisch auftretende Metallstangen, die irgendeine Art von Hinweis darstellen sollten, zum ernsten Hindernis gereifen sollten?

 

Dennoch gelang der ausmergelnde Marsch und der Kundungstrupp meldete die versprochenden Fronten. Doch der Zugang bot nur der Möglichkeiten zweierlei: Einen langen Umweg, der die Ankunft weiter verzögert hätte, oder einen kurzen Weg über unmenschliche Hindernisse.
Der Todesmutige Anführer jedoch scheute weder Verlust an Material noch Menschenleben und trieb die Kämpfer durch Himbersträucher, Brennnesseln und über Heizungsrohre hinweg, nicht minder es Spartakus seinerzeit getan hätte. Mit vereinten Kräften gelang schließlich der Vorstoß zum Schlachtfeld der Entscheidung.

 

Als das zu unterstützende Lager endlich ausgemacht und man seine Präsenz bewiesen hatte, geschah das Unheil des Kriegstages...

 

Plötzlich wurden Stimmen laut, die sich fehlender Kriegserklärung eschoffierten und zum gemeinsamen Vorgehen gegen die eben angekommenen Recken aufriefen!

 

Spontan setzten Kämpfer der anderen Flussseite über und begannen, sich diesseits ihrer vorigen Gegner aufzubauen. Hunderte Stimmen zählten plötzlich rückwärts und man versuchte panikartig, die Schleuder ihr vorbestimmtes Werk tun zu lassen. Ein Schuss sollte die Reihen lichten, doch war die Munition ungleich verteilt und die Schleuder entfaltete ihre Kraft ungenutzt. Der Fehlschuss beeindruckte die Angreifer nicht und als der Countdown zuende war, liefen die ungehaltenen Massen schreiend der Barrikade entgegen.

 

Der Wut, die sich nun erhob, vereint aus beiden verfeindeten Lagern, konnten unsere Helden nicht entgegenstehen. Von einer vielfachen Überzahl wurde der forderste Stand aus Schilden ebenso überrannt, wie die hinterliegende Artillerie. Noch bevor ein weiterer Schleuderversuch gestartet werden konnte, waren die Schilde zerbrochen, die kleine Armee in fliegenden Geschossen faulender Ananas, Tomaten und Dungklumpen binnen Sekunden vertrieben.

 

Die Schleuder wurde wutentbrannt gestürzt und unbrauchbar gemacht, die in endlosen Stunden entstandene Ausrüstung entwendet oder zerstört. Bitter war es, die eigene Munition noch auf der Flucht gegen sich gewandt zu sehen.

 

Der Kampf war verloren, die Truppen zersprengt und besiegt. Das Aroma verschiedenster Wurfmaterialien umhüllte die Geschlagenen noch auf lange Zeit und der gänzliche Abzug wurde nunmehr beschlossen.

 

Kurz nach Verlassen des Schlachtfeldes ließ sich sogleich die offensichtlich beschäftigungssuchende Stadtwache in grünem Gewand zu einem persönlichen Ausweisgesuch verleiten. Man erklärte die Dokumente sicher im verbliebenen Fuhrwerk, doch musste so der namentlichen Aussage natürlich Wahrheit geprüft werden. Offensichtlich beschlossen Anwohner der drohenden Gefahr durch Anzeige entgegenzugehen.


Doch nach einiger Zeit ungewisser Verharrung stand dem weiteren Abzug nichts im Wege und die Besiegten wurden zur Körperreinigung freigegeben.

 

Ja, so war das. Wiedermal zuviel getecht und zu wenig Einheiten gebaut. ;o)